Sammlung versus Exponat

von Georg Friebe

 

"Henne oder Ei?" – die philatelistische Übersetzung dieser Frage muss wohl lauten: "Material oder Plan?" Eine allgemein gültige Antwort darauf gibt es nicht, denn die Entscheidung liegt in den Zielen des Sammlers.


In der Museumswelt scheint die Sache klar: Zuerst kommt die Sammlung, der Erwerb von wissenschaftlich oder künstlerisch bedeutendem Material innerhalb den Vorgaben eines klaren Konzepts. Die Zeiten, da die Sammlung möglichst vollständig auch ausgestellt wurde, sind längst vorüber. Wenige Stücke werden ins Rampenlicht gestellt, wobei oft der ästhetische Reiz und der materielle Wert über die wissenschaftliche Bedeutung eines Objektes gehoben werden. Aber die Ausstellung basiert auf der Sammlung, und es ist verpönt, Objekte ausschliesslich für Ausstellungszwecke zu kaufen. Doch ist dies in allen Museen so? Naturmuseen zeigen – zumindest in den Bereichen Zoologie und Botanik – kaum wissenschaftlich bedeutendes Material. Das schlummert wohl behütet in der Studiensammlung. Den Museumsbesucher würde es wenig interessieren: Wer möchte zu Hunderten aufgespiesste Käfer betrachten? Wen reisst ein "geordneter Heuhaufen" (vulgo Herbar) zu Begeisterungsstürmen hin? Sollen aber Säugetiere gezeigt werden, so hält sich der wissenschaftliche Wert in Grenzen. Was soll man auch an einem toten Zootier denn noch erforschen? Die Ausstellung im Naturmuseum ist inszeniert, und die Objekte wurden nur für die Präsentation gekauft. Der Extremfall sind Ausstellungshäuser, die überhaupt keine wissenschaftliche Sammlung besitzen: Sie verdienen schwerlich das Prädikat "Museum".


Was dies mit der Philatelie zu tun hat? Auch wir positionieren uns zwischen diesen beiden Extremen: Einerseits die Sammlung, die, einem klaren Konzept folgend, ein Thema umfassend dokumentiert, die aber – wenn überhaupt – nie vollständig ausgestellt werden kann. Denn dies wäre für den unbefangenen Betrachter gleich langweilig, wie Hundertschaften von toten Insekten. Auf der anderen Seite das Exponat, zusammengestellt nach Plan mit dem einzigen Zweck der Ausstellung. Jede Marke, jeder Beleg, der nicht in das Exponat eingegliedert wird, wäre eine sinnlose Anschaffung. Die Realität liegt irgendwo dazwischen. Doch von welcher Seite sollen wir ausgehen? Und damit sind wir bei der eingangs gestellten Frage.


Es hat seinen Reiz, mit dem Plan zu beginnen und ein Exponat ausschliesslich zu Ausstellungszwecken zusammen zu stellen. Franz Zehenter hat dies ausführlich dargelegt. Die Herausforderung liegt darin, nicht abzuschweifen. Der Plan will gut überlegt sein, denn er muss penibel verfolgt werden. Unüberlegte Käufe belasten sinnlos die Geldtasche.


Steht die Sammlung im Vordergrund, so gibt es grössere Freiräume. Nicht die Ausstellbarkeit entscheidet zunächst über den Ankauf, sondern die Frage, wie ein Stück in das Sammlungskonzept passt. (Auch hier sei vor unüberlegten Käufen gewarnt.) Aber an zweiter Stelle steht die Aufgabe, Teile der Sammlung in ein Exponat einzubinden, sie in der Ausstellung stolz zu präsentieren. Denn wie ein Zwerg neidisch-grießgrämig auf seinem Schatz zu sitzen, macht auf Dauer wohl wenig Freude. Franz Zehenter hat Recht: Wer sich bei der Erstellung des Ausstellungsplans allzu sehr vom vorhandenen Material leiten lässt, wird sehr rasch an Grenzen stossen. Die Sammlung kann eine Leitlinie sein, wenn es gilt, den Plan zu entwerfen. Doch daneben gibt es genügend andere Objekte, die die Aussage eines (thematischen) Exponats weit besser transportieren, als die Stücke in den engen Grenzen des Sammlungskonzepts. Wer ein interessantes Exponat gestalten will, wird nicht umhin kommen, Stücke zu erwerben, die im Rahmen seines Sammlungskonzepts keinen Platz finden. Doch gleichzeitig ist die Auswahl grösser, und der Ausstellungsplan kann flexibler gehandhabt werden.


Sammlungskonzept oder Ausstellungsplan? Wer mit der Sammlung beginnt, wird rasch feststellen: Es gibt kein "entweder – oder". Beide Herangehensweisen ergänzen sich, schaukeln sich hoch. Und die Herausforderung liegt darin, den Überblick zu wahren und beide Sichtweisen zu einem harmonischen Ganzen zu vereinen!
 

 

  • Die Gegenposition:
    Franz Zehenter: Der Aufbau eines thematischen Exponats
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  • Der museologische Aspekt:
    Friebe, J.G. (2008): lebendig – präpariert – virtuell: Biologie sammeln. – Neues Museum, 08/2: 6-12, Linz (Österr. Museumsbund).
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